Eine Reise (Teil 1)

Meine Füße stecken noch im lauwarmen Sand. Der feuerrote Ball der untergehenden Sonne spiegelt sich im Wasser und die Wellen erzeugen immer wieder neue Lichtspiele. Vor einem Kiosk, ein paar Meter hinter mir, hält ein altes Taxi, dessen beste Tage längst vergangen sind. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie ein südländisch anmutenden Fahrer aussteigt und auf den Kiosk zu geht. Etwas weiter entfernt spielen ein paar Hunde, immer haarscharf den Wellen ausweichend, während sich ihre Besitzer den Strand entlang schlendernd unterhalten. Es ist ein Bild vollkommener Ruhe. Was immer auch in der Welt in diesem Moment passiert, diesen Strand scheint es nicht zu erreichen.

Mit einem Ohr beginne ich der Unterhaltung zwischen dem Taxifahrer und dem Mann in dem Kiosk zu folgen. Sie reden über ihr Leben, über ihre Arbeit und ihre Familien und klingen dabei glücklich. Neugierig geworden, stehe ich auf und gehe die paar Schritte zu dem Kiosk.
“Ich hätte gerne eine Flasche Wasser”, sage ich zu dem Verkäufer.
“Tut mir leid, ich habe schon geschlossen”, erwidert dieser.
“Gib dem Mann doch sein Wasser”, mischt sich der Taxifahrer mit einem Lächeln ein.
Der Mann im Kiosk greift unter den Tresen und holt eine Flasche Mineralwasser hervor. Wortlos bezahle ich sie, als der Taxifahrer zu dem Mann im Kiosk sagt:
“Alles Gute, was wir hier tun, wird uns im Himmel zu Gute kommen.”
Er spricht weiter über den Himmel, fast so als wäre dieser real. Erstaunt schaue ich ihn an.
“Glauben Sie nicht an den Himmel?”, fragt er mich.
“Nein, das tue ich nicht.” Und in diesem Augenblick frage ich mich, was ich überhaupt glaube.
“Sehen Sie”, fährt er fort, “in meinem Heimatland herrschen schlimme Zustände. Von dort weg zukommen war ein langer und beschwerlicher Weg. Ein Weg voller Entbehrungen, aber auch ein Weg voller Erfahrungen. Jetzt bin ich mit meiner Familie hier, habe Arbeit und wir alle sind in Sicherheit. Wie kann ich da nicht an einen Himmel glauben?”
Der Taxifahrer erzählt noch ein paar Minuten weiter, über sein Leben, seinen Glauben, seine unerschütterlichen Hoffnungen und seiner großen Liebe zu seiner Frau.
Ich verabschiede mich und geh zurück an den Strand. Die Sonne ist zwischenzeitlich untergegangen und nur noch ein roter Streif weit hinten am Horizont erinnert noch an diesen Sommertag am Strand. Während ich mich in den jetzt kühlen Sand setze, gehen mir die Worte des Taxifahrers noch einmal durch den Kopf. Was hatte dieser Mann alles erlebt, wie viel Kraft und Überwindung muss ihn das alles gekostet haben? Plötzlich erscheinen die meisten meiner Probleme nicht mehr so wichtig. Verglichen mit seinen Leistungen erscheinen mir meine Erfolge, wie zum Beispiel, dass ich neuerdings bei halboffenem Rollladen schlafen kann und manch anderes, das ich als großen Erfolg werte, als ausgesprochen klein.
Ich sitze noch am Strand und beobachte, wie sich die Sterne im Wasser spiegeln. Mein Blick richtet sich hoch zum Himmel. Ob die Menschen, an die ich diesem Augenblick denke, die gleichen Sterne sehen? Ich wünsche es mir, genauso, wie ich mir Antworten auf die die Fragen wünsche, die mich so dringend beschäftigen und die mich bis an diesen Strand geführt haben. Vielleicht finde ich sie heute Nacht, hier in der Ruhe diese Strandes, untermalt vom leisen Brechen der Wellen. Der Taxifahrer hat mir ein Stück weit den Weg dorthin aufgezeigt.

 

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