Der Mann mit dem Hund: Drei Wölfe – Kapitel 8 – Von Balkonen und Autos

   In den letzten Tagen seit meinem Besuch in der Wohnung des Mannes und der Begebenheit mit dieser unbekannten Frau, hatte ich viel Zeit damit zugebracht an meinem Manuskript zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl gut vorangekommen zu sein, bis auf die weiterhin offenen Fragen, bei denen ich den Eindruck hatte, mich im beständig Kreis zu drehen. Neben seiner Freundin, bei deren Einschätzung ich beständig schwankte, konnte ich nach wie vor nicht mit Sicherheit beurteilen, wie gefährlich diese Art von Tumor wirklich war und seinen Umgang mit dieser Krankheit konnte ich mir ebenso wenig erklären. Alles, was ich im Internet gelesen hatte, erschienen mir durchaus glaubwürdig zu sein, dennoch wollte ich die Meinung eines Fachmannes hören. Carsten, ein ehemaliger Mitschüler, zu dem ich losen Kontakt hatte, war in der Zwischenzeit zum Chefarzt der chirurgischen Abteilung eines großen Krankenhauses aufgestiegen. Mein Anruf erreichte leider nur seinen Anrufbeantworter. Ich hinterließ eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf, ohne nähere Angabe von Gründen. Am späten Abend kam sein Rückruf. Ich schilderte ihm in groben Zügen meine Fragen. Da es schon relativ spät war, die Antworten auf meine Fragen umfangreicher sein mussten, als ich erwartet hatte und er mir unbedingt seine neue Wohnung zeigen wollte, verabredeten wir uns für den übernächsten Nachmittag auf einen Kaffee bei ihm. Dass diese Einladung einen weiteren wichtigen Teil zu meinem Buch hinzufügen sollte, konnte ich nicht ahnen. Es war der 19. März und draußen war es erneut bitter kalt. Gegen 16 Uhr machte ich mich auf den Weg. Carstens neue Wohnung lag in Degerloch, einem nur wenigen Kilometer entfernten benachbarten Vorort. Bevor wir uns über meine Fragen unterhielten, zeigte er mir Stolz seine neue Wohnung mit herrlichem Ausblick über ein wunderschönes naturgeschütztes Tal. Anschließend nahmen wir in seinem Wohnzimmer Platz und er beantwortete mir bei einer Tasse Kaffee meine Fragen. Zunächst führte er aus, dass er um meine Fragen besser beantworten zu können, sich zwischen unserem Telefonat und dem heutigen Treffen zu seiner Sicherheit noch ausführlich mit einem ihm gut bekannten Onkologen und einem Psychologen beraten hatten. Carsten bestätigte mir im Grundsätzlichen, was ich vorher auf diversen medizinischen Fachseiten im Internet gelesen hatte, schränkte aber ein, dass ohne die genauen pathologischen Befunde zu kennen, eine exaktere Aussage sehr schwierig sei. Wichtiger als diese rein physischen Punkte waren mir jedoch Antworten auf die psychischen Veränderungen zu erhalten, von denen ich häufig gelesen hatte, die mir aber unverständlich geblieben waren. Das strikte Verschweigen seiner Krankheit gegenüber seiner Freundin lag nach seiner, sowie der Ansicht seines Kollegen durchaus, wenn auch seltener anzutreffen, im Rahmen der Erfahrungen.

„Generell ist das zwar nicht üblich“, erklärte er mir, „dennoch ist es bei einer gewissen Anzahl Patienten durchaus zu beobachten. Diese versuchten ihre Erkrankung solange es möglich war, vor ihren Angehörigen geheim zu halten. Die Gründe dafür können mannigfaltig sein und sind nicht immer rational nachvollziehbar. Es kommt immer auf die aktuellen Gesamtlebensumstände des Patienten und die seines Umfeldes an. Einige wollten nicht, dass sie bemitleidet werden. Andere hingegen hätten große Sorge, um nicht zu sagen Angst, dass diese extreme Lebenssituation ihre Angehörigen übermäßig physisch oder psychisch belastet und am Ende überfordert. Wiederum andere verließen sogar komplett ihr soziales Umfeld und verschlossen sich ganz.“

Am Ende seiner Ausführungen kam die unvermeidliche Frage, wofür ich diese Informationen benötigte. Ich erklärte ihm, ohne dabei in Details zu gehen, dass ich diese Hintergrundinformationen für mein neues Buch benötigte. Da Carsten zu den überzeugten Nichtrauchern zählte, war die Zigarette zum Kaffee ausgefallen. Deswegen ging ich im Anschluss an seine Erklärung auf den Balkon, zündete mir eine Zigarette an und blickte mich um. Eine wunderbare Aussicht hat er, dachte ich und ließ meinen Blick schweifen, bis er an einer Frau, die in Begleitung ihres Hundes an einem der Parkplätze unweit einer Wendefläche schräg unterhalb des Hauses meines Freundes, hängen blieben. Ich traute meinen Augen kaum. Es war ohne Zweifel die Freundin des Mannes. Trotz der fortgeschrittenen Dämmerung erkannte ich sie auf den ersten Blick. Sie stand mit ihrem Hund etwa 70 Meter rechts unterhalb des Balkons neben ihrem Auto und schien auf jemanden zu warten. Ich drehte mich und blickte die Straße hoch. In diesem Augenblick bog ein schwarzer Kombi in die Straße ein, fuhr in Richtung der Frau und parkte neben ihrem Auto. Es war das Fahrzeug des Mannes, wie anhand des Kennzeichens unschwer zu erkennen war. Die beiden hatten sich offensichtlich zu einem Spaziergang in dem Tal verabredet. Ich beobachtete noch, wie die Vier in der Dämmerung verschwanden, bevor ich wieder in die Wohnung zurückging. Kaum hatte ich wieder platz genommen, öffnete sich die Wohnungstüre. Die Ehefrau meines Klassenkameraden war nach Hause gekommen. Wir hatten uns seit einigen Jahren nicht mehr getroffen und umso erfreuter war sie, mich zu sehen. Wir unterhielten uns kurz über ihre neue Arbeit, bis sie mich fragte, ob ich nicht noch zum Essen bleiben wollte. Carsten nickte zustimmend. Solange wollte ich eigentlich gar nicht bleiben, aber ich konnte die wirklich freundlich gemeinte Einladung schlecht ablehnen. Während seine Frau in die Küche ging, setzten wir unser Unterhaltung fort. Nach etwa einer halben Stunde rief sie ihrem Mann aus der Küche zu, dass das Essen in 10 Minuten fertig sei und er bitte den Tisch decken solle. Ich nutzte die Gelegenheit und ging noch einmal zum Rauchen auf den Balkon. Den Zeitpunkt hätte ich nicht besser wählen können. Gerade als ich meine Zigarette ausgedrückte, sah ich wie der Mann und seine Freundin mit ihren Hunden wieder aus der Dunkelheit des Tals auftauchten. Sie gingen ganz eng Arm in Arm nebeneinander. Am Parkplatz angekommen küssten sie sich lange, bevor jeder mit seinem Hund in sein Auto stieg. Ich schaute den wegfahrenden Autos bis an die Kreuzung am Eingang der Straße nach, an der jedes in eine andere Richtung abbog. Was für ein unglaublicher Zufall, dachte ich und ging wieder zurück in die Wohnung.

 

   Als ich wieder zuhause ankam, war es bereits deutlich nach 22 Uhr. Aufgrund dessen, was ich am frühen Abend vom Balkon meines Bekannten aus beobachten konnte, war ich gespannt auf den heutigen Tagebucheintrag des Mannes. Doch bevor ich meinem Computer startete, ging ich an meine Bar und holte mir ein Glas Glenmorangie 12 Jahre The Quinta Ruban und eine Zigarre. Gespannt startete ich meinen Computer und loggte mich auf dem PC des Mannes ein. Dieser Abend hatte noch einen höchst interessanten Verlauf genommen. Im Anschluss an den von mir beobachteten Spaziergang hatte ein ausgesprochen reger E-Mail-Verkehr zwischen den beiden stattgefunden. Schon während ich sie bei ihrem Spaziergang beobachtet hatte, war mir aufgefallen, dass die beiden an diesem Abend sehr liebevoll, fast schon ausgesprochen zärtlich miteinander umgegangen waren. Es war das Bild eines glücklichen Paares. Das Damokles Schwert, welches über ihnen hing und von dem nur der Mann wusste, musste er für diesen Moment des Glückes komplett verdrängt haben. Für einen Augenblick stellte sich mir die, betrachtete man die Ereignisse rund um „Waltzing Matilda“ vor einigen Tagen, nicht ganz unsinnige Frage, ob er ihr an diesem Abend erzählt hatte, was mit ihm los war. Ein kleines bisschen hoffte ich es in diesem Moment sogar. Aber in seinem Tagebuch stand etwas Anderes. Er schrieb von einem Lied, dass sie ihm im Anschluss an den Spaziergang via Link per E-Mail geschickt hatte. An das Versenden von Liedern, beziehungsweise von Links auf diese, hatte ich mich in den letzten Monaten gewöhnt. Es war ihre Art, dem anderen etwas mitzuteilen. An diesem Abend hatte ihm seine Freundin einen Link zu „Deine Stärken“ von Silly geschickt. Da ich dieses Lied nicht kannte, öffnete ich ihre E-Mail und klickte auf den Link. Ich bin gewiss kein Romantiker und habe im Allgemeinen für solchen Schnickschnack nicht besonders viel übrig, aber nach dem ich dieses Lied angehört hatte, war selbst ich ein wenig bewegt. Dieses Lied war nicht nur eine Liebeserklärung, es war zugleich eine Entschuldigung für Fehler, die man bewusst oder unbewusst gemacht und mit denen man seinen Partner verletzt hatte. Konnte man in diesem Lied letztlich ihr Geständnis sehen, ihm nicht treu gewesen zu sein? Mein Fokus lag dabei auf jenen Zeilen, die vom Verletzten des Partners handelten. Ich war mir zuerst sicher, dass dies der zentrale Punkt, dass was sie ihm mit diesem Lied sagen wollte, sein musste. Beim zweiten Anhören des Liedes bemerkte ich, dass durchaus noch eine andere Interpretation möglich war, zumal ich davon ausgehen musste, dass sie wie schon damals im Sommer, auch dieses Lied nicht nur wegen einer Textzeile, sondern wegen des gesamten Textes gewählt hatte. Es waren die Zeilen „wie füg ich uns zusammen“ und „wie kann ich uns beschützen“, die mich zum Nachdenken brachten. Ahnte sie, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte? Mehr als gespannt, wie der Mann dieses Lied verstand, las ich weiter.

 „…Ich habe mir das Lied den ganzen Abend angehört. Es macht mich irgendwie sehr traurig, weil ich fühle, wie schwer das Ganze werden wird. Aber ich bin auch sehr glücklich, weil sie mir gezeigt hat, dass sie mich doch liebt. Sie tut sich sehr schwer mir zu zeigen, was sie empfindet. Allerdings muss ich sagen, ich tu mir auch schwer damit und das ist mir umso unverständlicher, weil wenn ich auf mein Herz höre, müsste ich es ihr stündlich sagen.“

Wider Erwarten kein Wort über die Vorgänge der letzten Monate. Dafür wurde das ganze Ratlosigkeit des Mannes deutlich. Seine große Liebe, um die er letzten Sommer außergewöhnlich gekämpft hatte, schickte ihm eine derartige Liebeserklärung. Unter normalen Umständen sollte er heute Abend der glücklichste Mann der Welt sein. Aber er war weit davon entfernt. Etwas weiter unten stand:

„…den Gute-Nacht-Kuss hätte sie heute gern live bekommen. Ich schrieb ihr zurück, dass sie noch unendlich viele Live-Gute-Nacht-Küsse bekommen wird. Ich spüre, dass das nicht der Fall sein wird, aber ich konnte ihr die Wahrheit nicht sagen. Es ist besser so…“

   Als ich am nächsten Tag aufwachte, dachte ich als erstes an die Ereignisse des gestrigen Abends. Wie so häufig, waren mir die weiblichen Empfindungen ein Rätsel. In den letzten Monaten hatte der Mann in seinem Tagebuch immer wieder geschrieben, dass er an ihr und ihrer Liebe zu ihm gezweifelt hatte, wie sehr ihn ihr Verhalten an etwas erinnerte, dass er vor ein paar Jahren schon einmal erleben musste. An dem Wahrheitsgehalt seines Tagebuchs hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Niemand füllt sein Tagebuch mit Unwahrheiten. Tagebücher sind alleine wegen ihrer Aktualität frei von verzerrten Erinnerungen. Zudem belegten eine Unzahl ihrer E-Mails in aller Deutlichkeit seine Befürchtungen. Ich steckte schon wieder in einer Sackgasse. Auf der einen Seite die Einträge in seinem Tagebuch über sie und ihr Verhalten, die teilweise wirklich kalten E-Mails seiner Freundin, die zudem abends oft genug auch ausgeblieben waren. Auf der anderen Seite dieses Lied, die vereinzelten zärtlichen E-Mails von ihr und nicht zu Letzt, mein persönlicher Eindruck von ihr. Nichts passte zusammen. George Bernard Shaw bemerkte einmal über die USA und Großbritannien, sie seien zwei große Nationen, getrennt durch eine gemeinsame Sprache. Mit Männern und Frauen schien es sich ähnlich zu verhalten. Sie verstanden die Sätze des anderen nach deren Worte, nicht nach deren Sinn. Ich gelangte zu der Erkenntnis, dass ich dieses Rätsel, wenn überhaupt, nur mit Hilfe einer Frau lösen könnte und keine erschien mir besser dafür geeignet als Geraldine. Obwohl Geraldine, als ich ihr das erste Mal von meinem Plan zu diesem Buch berichtet hatte, sich über mich lustig gemacht hatte und sie die letzten Tage sehr gedrückter Stimmung schien, blieb sie doch die beste Ansprechpartnerin für derartige Fragen. Ich schrieb ihr eine E-Mail, in der ich sie für Samstag zu einem Abendessen bei mir ein einlud, die Tatsache ignorierend, dass ihre Essgewohnten häufig das Prädikat Seltsam verdienten. Um ein mögliches Missverständnis den Anlass der Einladung betreffend von vorne herein auszuschließen, fügte ich hinzu, dass ich mich gerne mit ihr über mein neues Buch unterhalten möchte und sie mir bestimmt ein paar Fragen beantworten könnte. Wie ich es nicht anders erwartet hatte, nahm Geraldine meine Einladung umgehend an. Es erschien mir das vernünftigste zu sein, die Arbeit an meinem Buch erst nach dem Abendessen mit Geraldine fortzusetzten.

   Pünktlich um 18 Uhr, wie ich es von ihr gewohnt war, klingelte es an meiner Türe. Ich öffnete und vor mir stand eine gut gelaunte Geraldine mit einer Flasche Wein in ihrer Hand. Wir gingen in meine Küche, ich stellte den Wein in den Kühlschrank und begann mit der Zubereitung unseres Abendessens.
„Willst du mir jetzt den genauen Grund für diese Einladung verraten“, fragte sie mich, während ich mitten im Anbraten des Fisches war.
„Ich hatte dir vor längerer Zeit erzählt, dass ich an einem neuen Buch schreibe. Einer menschlichen Geschichte. Erinnerst du dich? Im Moment bin ich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterkomme und Hilfe gebrauchen könnte. Deine Hilfe.“
Geraldine schaute mich ziemlich entgeistert an.
„Du? Meine Hilfe?“ sagte sie sichtlich erstaunt. „Das gab es in den letzten 20 Jahren nicht. Herr „Ich weiß alles besser“ ist in Schwierigkeiten und kommt nicht weiter.“
Sie lachte schallend.
„Entschuldige bitte, aber das ist zu komisch.“
„Ich dachte mir, dass du so reagierst“. Dennoch, ich brauche deine Hilfe. Vor allem weil du eine Frau bist,“ entgegnete ich kleinlaut.
Für einen Augenblick war ihr Lachen verflogen, kehrte aber sofort wieder zurück, als ich anmerkte:
„Ich verstehe euch Frauen einfach nicht. Aber wahrscheinlich tut das kein Mann.“
„Manche schon, solche wie du eher nicht. Was willst du wissen?“
„Ich muss dir die Geschichte von Anfang an erzählen. Aber du musst mir versprechen, dass du dich über das eine oder andere Detail nicht aufregst“ und bevor ich den Satz beendet hatte, war mir klar, sie wird sich über die Art meiner Informationserlangung aufregen.
„Lass mich aber als Erstes das Essen fertigkochen. Ich erzähle es dir beim Essen, einverstanden?“
Sie nickte, mit vielsagendem Blick. Ich brachte das Abendessen in das Esszimmer und wir setzten uns. Mit einem irgendwie verlegenen: „Guten Appetit“, eröffnete ich das Gespräch.
„Ich muss ein wenig ausholen, damit du die ganze Geschichte verstehst“.
Ohne zu mir aufzusehen antwortete sie:
„Mach ruhig. Du hörst dich doch am liebsten selbst reden.“
Das war eine dieser Spitzen, die sie seit 20 Jahren immer wieder in meine Richtung verschoss und sie schien sichtlich Spaß daran zu haben.
„Was weißt du über atypische Meningeome?“ wollte ich von ihr wissen.
„Wenig, bis nichts. Soweit ich weiß, ist das eine Art Gehirntumor. Warum?“
Ich schaute Geraldine überrascht an. Woher konnte sie so etwas wissen? Mein fragender Blick muss Geraldine aufgefallen sein, denn sie fügte hinzu:
„Ich hatte das irgendwo einmal gelesen, falls du dich fragst woher ich das weiß“, erklärte sie ihr Wissen.
„Gut, dann weißt du, worum es im Folgenden geht.“
Ich erzählte ihr von dem Mann mit dem Hund und wie ich ihn kennengelernt hatte. Über seine Freundin und wie ich zu den meisten Informationen gekommen war. Ich redete fast 2 Stunden und erzählte ihr dabei fast jede Kleinigkeit die sich bislang zugetragen hatte, bis zu dem Lied gestern Abend. Lediglich diese unbekannte Frau erwähnte ich nicht. Vielleicht weil ich nicht wollte, dass Geraldine dem Mann etwas unterstellen könnte, was im Augenblick noch nicht im Ansatz greifbar war. Geraldine hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Ein Verhalten, dass ich von ihr überhaupt nicht gewohnt war. Normalerweise unterbrach sie mich sofort, wenn sie eine Frage hatte, ihr etwas nicht stimmig erschien, oder sie grundsätzlich nicht einverstanden war. Sie hatte es nicht einmal getan, als ich ihr erzählte, dass ich in die Wohnung des Mannes eingedrungen war.
„Du hast die ganze Zeit geschwiegen, was meinst du zu der Geschichte?“ fragte ich sie, nachdem ich mit meiner Erzählung fertig war. Geraldine sah mich lange an, nahm ihr Weinglas und trank einen kleinen Schluck.
„Eine heftige Geschichte. Ich verstehe jetzt, was dich daran fasziniert und warum du darüber ein Buch schreiben möchtest,“ sagte sie, bevor sie noch einen kleinen Schluck Wein nahm.
„Da du alles überprüft hast, über die Methoden äußere ich mich jetzt nicht, gehe ich davon aus, die Geschichte hat sich wirklich so zugetragen. Eine wirklich schlimme Sache. Hast du eine Vermutung, wie es ausgehen wird?“
„Nein habe ich nicht. Aber ich kann jederzeit ein Happyend daraus machen. Künstlerische Freiheit. Es gibt genug traurige, schiefgelaufene Liebesgeschichten.“
Kaum hatte ich den Mund geschlossen, fiel mir auf, dass ich ihr mit meinem letzten Satz eine wunderbare Vorlage geliefert hatte, über unsere Beziehungen zu sprechen. Je nach Laune tat Geraldine das, für mich völlig unverständlich, hin und wieder recht gerne. Aber Geraldine überging meine letzte Bemerkung. Wollte sie sich diese für einen geeigneteren Moment aufsparen, rätselte ich.
„Was möchtest du von mir als Frau wissen, dass du als Mann nicht verstehst?“
Die Frage hatte einen gewissen Unterton, der mir überhaupt nicht gefiel. Eine Mischung aus Ironie und Überlegenheit.
„Zunächst und das ist mir im Augenblick am wichtigsten, die Sache mit dem Lied. Warum macht diese Frau gerade jetzt so etwas? Es passt überhaupt nicht zum Kontext ihres Verhaltens dem Mann gegenüber in den letzten Monaten. Vieles, um nicht zu sagen fast alles deutete darauf hin, dass sie längst wieder eine Beziehung mit einem anderen Mann, vermutlich ihrem Exfreund hat und plötzlich kommt sie mit so etwas um die Ecke. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Ihr ganzes Verhalten ergibt für mich keinen Sinn!“
Geraldine verdrehte die Augen.
„Männer…“ Sie holte tief Luft.
„Ist dir schon in den Sinn gekommen, dass sie ihn sehr liebt und sie mit seinem Verhalten seit Monaten einfach nichts anfangen kann? Da sie keine Ahnung davon hat, was mit ihrem Freund los ist. Sie den Grund für die Probleme in dieser Beziehung möglicherweise sogar bei sich sucht und sie ihm mit diesem Lied sagen möchte, was sie nicht aussprechen kann? Du sagtest doch, er hat sich, während sie in Mailand war, für sie ohne erkennbaren Grund nicht bei ihr gemeldet. An diesem Abend an dem du, entschuldige bitte den Ausdruck, versucht hast sie abzuschleppen hatte sie ständig auf ihr Telefon geschaut. Glaubst du nicht, dass sie voller Zweifel und Fragen in diesen Tagen war? Und die Theorie, dass sie mit ihrem Exfreund wieder eine Beziehung hat, teile ich im Übrigen nicht. Es gibt keinen plausiblen Grund für sie, die Beziehung mit dem Mann über Monate weiterfortzuführen, wenn sie schon einen neuen Partner hat. Oder zumindest weiter so engen Kontakt zu halten. Dazu müssten die beiden Kinder, ein gemeinsames Haus, oder sonst irgendetwas in der Art haben.“
„Soweit ich weiß haben sie nichts dergleichen,“ unterbrach ich Geraldines Redefluss.
„Dann bin ich mir sicher, der Mann interpretiert hier einiges falsch. Er hat genau wie du nur Indizien. Aber keiner von euch hat einen Beweis.“
„Bist du dir da wirklich sicher“, hakte ich nach.
„Ja, bin ich mir“, erwiderte Geraldine. „Sein Verhalten muss ihr doch Rätsel aufgeben. Dieses Lied von ihm zum Beispiel, aus heiterem Himmel, wie hieß es noch?“
„Waltzing Matilda“ warf ich ein.
„Danke“, erwiderte Geraldine und fuhr fort.
„Ein Lied für sie ohne Sinn. Um den Sinn dahinter zu verstehen, muss man entweder so ticken wie du, oder man braucht eine Abteilung von Dechiffrier- oder Analyse-Spezialisten. Außerdem ist es eine reine Spekulation von dir. Du hast keinen Beweis für deine These. So schlüssig sie auch klingen mag. Und ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich mir das an ihrer Stelle so lange angesehen hätte? Aber Liebende folgen nicht immer der Vernunft. Wenn ich verliebt bin, handle ich auch nicht mehr vollkommen rational. Aber von so etwas hast du leider keine Ahnung.“
Geraldine macht eine kleine Pause, als würde sie kurz über das eben von ihr gesagte nachdenken.
„Hast du das Lied, das sie ihm diese Woche geschickt hat hier? Ich würde mir das gerne einmal genau anhören.“
Ich stand auf und während ich mein Laptop holte amüsierte ich mich über Geraldines letzten Satz. Sie und nicht mehr vollkommen rational handeln. Geraldine war nach meiner Überzeugung immer vollkommen Herr ihrer Gefühle und handelte niemals auch nur im Entferntesten emotional oder gar irrational. So verliebt konnte sie gar nicht sein. Kommentarlos startete ich das Lied. Ruhig und konzentriert hörte sich Geraldine das Lied an. Nach dem das Lied zu Ende war, wollte sie von mir wissen, was es daran nicht zu verstehen gäbe?
„Es ist eine wundervolle Liebeserklärung an einen Menschen, von dem du sicher bist, dass er der einzige, der ganz besondere Mensch für dich ist. Der, mit dem man sein Leben verbringen will. Außerdem ist es eine Entschuldigung. Eine Entschuldigung auf den bloßen Verdacht hin, man könnte diesen verletzt haben. Mein Gott, wie schwer von Begriff seid ihr Männer?“
Sie schob den Laptop beiseite und blickte mir direkt in die Augen.
„Glaubst du, sie hat sich nie gewundert, wie oft er über Kopfschmerzen geklagt hat? Dass sie sich nie gefragt hat, warum er sich plötzlich Tageweise nicht mehr gemeldet hat, oder nichts mit ihr unternommen hat? Quasi von einem Tag auf den nächsten? Oder Weihnachten und Silvester? Das verbringt man doch zusammen und nicht getrennt. Vor allem dann nicht, wenn beide Urlaub hatten. Ich glaube, das siehst Du falsch, mein Liebling. Entschuldige bitte, ich sollte Dich ja nicht mehr so nennen“, sagte Geraldine, während ein durchaus freches Grinsen über ihr Gesicht huschte. Für einen kurzen Augenblick war es Geraldine beinahe gelungen, mich zu überzeugen.
„Und diese Sache mit der automatischen Antwort ihres Mailservers, nur ein blöder Zufall?“, bohrte ich nach.
„Sicher nicht glücklich gelaufen“, erwiderte Geraldine. „Aber ich gehe nicht davon aus, dass die Nachricht ausschließlich für ihren Freund bestimmt war, sondern für ihre Geschäftspartner. Außerdem, hast Du schon einmal in Betracht gezogen, dass sie darauf gewartet haben könnte, dass ihr Freund, nach dem er ja von ihrem Urlaub wusste, sie fragen würde, was sie an den Feiertagen macht? Nein, das hast du sicher nicht. Zum Thema Kopfschmerzen möchte ich dir sagen, dass Kopfschmerzen eine Art Standardausrede ist. Ab und zu mag es sicher der Wahrheit entsprechen. Hört man aber dauernd von seinem Partner, er habe Kopfschmerzen, liegt der Verdacht nahe, die Kopfschmerzen heißen in Wahrheit: Ich habe keine Lust auf dich. Oder noch schlimmer, ich begehre dich nicht mehr. Du als Mann, wie oft hast Du schon gehört: Heute nicht Schatz. Ich habe Kopfschmerzen? Im Zuge der Emanzipation könnte sich der Mann in ihren Augen eben auch dieser Ausrede bedient haben. So wir ihr Männer euch zurückgestoßen vorkommt, wenn eure Freundin sagt: „Heute nicht. Ich habe Kopfschmerzen“, so kam sich seine Freundin mit Sicherheit auch, durch die für sie fadenscheinige Begründungen, zurückgewiesen vor. Ich gehe nicht davon aus, dass sie jemals einen tieferen Sinn dahinter gesucht hat und aufdrängen wollte sie sich sicher nicht. Sie scheint ein altmodisches Mädchen zu sein, eines wie ich. Außerdem, welchen Grund hätte sie haben sollen dahinter etwas Anderes zu suchen? Außer vielleicht eine andere Frau in seinem Leben?“
So sehr mir Geraldines Argumente auch missfielen, sie hatten durchaus ihre Berechtigung. Seine Freundin kannte weder die Krankenakten, noch konnte sie von seinem Verdacht, wie der Mann ihr Verhalten interpretierte ohne das Tagebuch zu kennen, die geringste Ahnung haben. Ich hatte bei der Beurteilung der Situation ihr gegenüber einen unschätzbaren Wissensvorsprung. Zudem hatte Geraldine, ohne es zu wissen, mit der Frage nach einer anderen Frau ein heikles Thema angesprochen, über das ich mir ebenfalls Gedanken machte. Was Geraldine allerdings damit meinte, sie sei ein altmodisches Mädchen wie sie, war mir überhaupt nicht klar.
„Du könntest vielleicht Recht haben“, bestätigte ich Geraldines Ausführungen, schränkte aber gleich darauf ein:
„Trotzdem, wenn man jemand liebt, lässt man sich nicht so einfach abspeisen und in einer Beziehung schon gar nicht. Normalerweise sucht man doch nach Anhaltspunkten, warum der Partner sich so ungewöhnlich verhält. Es sei denn, es ist einem gleichgültig, oder noch schlimmer, es passt sehr gut in das eigene Konzept. So, wie du es in deinen Zwischenbeziehungen gerne machst.“
Geraldine überging diese provozierende Anspielung auf die Art, wie sie mit den ihr unwichtigen Beziehungen umging, die meist nur ein Zeitvertreib oder im schlimmeren Fall eine Art Revanchefoul am vorangegangen Partner waren, völlig und schüttelte lediglich ihren Kopf.
„Nein, davon kannst und darfst du nicht ausgehen. Betrachte es aus ihrem Blickwinkel und mit ihrem Wissensstand. Für mich hätte es sich so dargestellt. Er hat kein großes Interesse mehr an mir und hält mich nur noch irgendwie warm. Dafür bin ich mir zu Schade. Würde er mich wirklich lieben, würde er sich um mich kümmern und alles tun, um mich glücklich zu machen. Ich denke die Freundin des Mannes hat es genauso gesehen. Noch aber hat sie die Hoffnung nicht verloren und benutzt dieses Lied, um ihm ihre Gefühle zu zeigen. Aber anstatt er sich in sein Auto setzt und zu ihr fährt, um die Nacht mit ihr zu verbringen, bekommt sie eine E-Mail. Selbst den offensichtlichen Hinweis mit dem Live Kuss übergeht er. Kannst du dir davon eine Vorstellung machen, wie sich eine Frau da fühlt? Ich mir schon. Sehr gut sogar!“
Ehrlich gesagt, ich konnte es nicht. Ich glaubte sogar gute Argumente zu haben, mit deren Hilfe ich Geraldines These, der Mann hätte sich in sein Auto setzen müssen um zu ihr fahren und ihr den Gute Nacht Kuss live geben, widerlegen zu können.
„Gut möglich. Vielleicht hat sie sogar darauf gewartet. Aber ich sagte dir doch eingangs, wie schlecht der Mann bei Dunkelheit fährt und dass er schon zwei Unfälle hatte. Außerdem, womit hätte das wohl geendet? Im Bett natürlich und dann wäre alles aufgeflogen!“
„Das erste ist kein Argument“, erwiderte Geraldine patzig.
„Er hätte langsam und vorsichtig fahren können. Zumal um diese Zeit nicht mehr viel Verkehr ist. Wenn man jemand liebt und wirklich vermisst, dann nimmt man dieses verhältnismäßig kleine Risiko in Kauf! Da sie aber von alledem nichts weiß, muss es sich für sie so dargestellten haben, wie ich es eben sagte! Mit dem andern hast du vermutlich Recht. Aber es wäre gleichzeitig die Möglichkeit gewesen mit ihr über alles zu reden. Gemeinsam in einem Bett, das hat etwas sehr Vertrautes.“
Geraldine hatte meine logischen und vor allem vernünftigen Gegenargumente einfach abgeschmettert. Ich griff nach meinem Weinglas, trank einen Schluck und ließ mir ihre Worte durch den Kopf gehen. Ihr Satz: „Der Mann muss alles tun um seine Frau glücklich zu machen“, klingelte mir förmlich in den Ohren. Ein guter, aber nicht ganz risikoloser Ansatzpunkt, dessen war ich mir bewusst.
„Der Mann muss also alles tun, um seine Frau glücklich zu machen,“ wiederholte ich zunächst Geraldines Aussage, bevor ich meine herausfordernde Frage hinterher schob.
„Die Frau aber nicht? Ist das nicht eine überkommene Ansicht im Zeitalter der Emanzipation? Oder heißt das einfach nur, die Frau braucht nichts zu tun, weil der Mann sich glücklich schätzen muss überhaupt eine Frau zu haben? Wenn ja, dann ist es ein Freibrief für die eigene Beziehung nichts tun zu müssen, sondern sich alles nach Gutdünken so hinzudrehen, wie frau es haben möchte.“
Ich lehnte mich zurück und wartete gespannt auf Geraldines Reaktion. Doch wider Erwarten ließ sie sich nicht aus der Reserve locken und blieb ganz ruhig.
„Das habe ich damit nicht gesagt. Selbstverständlich muss auch sie etwas für die Beziehung tun und nach meiner Ansicht tut sie unbestritten zu wenig dafür. Anderseits, was soll sie machen? Wenn sie sich seiner Gefühle nicht mehr sicher sein kann, weil sie das Verhalten ihres Freundes nicht mehr versteht, ist ihr Handlungsspielraum begrenzt. Warum sollte ich fortgesetzt jemand zeigen, dass ich ihn liebe, wenn er nicht reagiert. Dann behalte ich meine Gefühle, solange es geht, lieber für mich.“
Seine Freundin hatte in Geraldine die beste Anwältin gefunden, die sie sich hätte wünschen können. Alle meine Versuche, seiner Freundin ein Fehlverhalten zu unterstellen, hatte Geraldine zu meinem Leidwesen erfolgreich abgewehrt.
„Was würdest du an ihrer Stelle von ihm erwarten“, fragte ich Geraldine. Ohne zu zögern antwortete sie:
„Die Wahrheit. Was denn sonst? Er behauptet, er liebt sie. Wie du sagst, schreibt er das wiederholt in seinem Tagebuch und in seinen Gedichten. Der Beweis, dass sie ihn liebt ist nicht nur dieses Lied …“
„Das ist kein Beweis, sondern eine Vermutung“, fiel ich Geraldine unsanft ins Wort, die davon ungerührt ihre Ausführung fortsetzte.
„…sondern ihr gesamtes Verhalten. Beides unstrittige Tatsachen. Nur, er handelt nicht danach. Ich bin mir absolut sicher, würde er ihr die Wahrheit sagen, würde sie alles verstehen und wäre ohne Einschränkung, egal was passiert an seiner Seite.“
Ich goss mir Wein nach und überlegte kurz. Könnte Geraldine mit ihrer Einschätzung Recht haben? Ich sah in dem Mann eine Art Held, einen Ritter, der alles Schlimme von seiner Freundin abhalten will. Dabei übersah ich, dass es sich um eine Beziehung handelte und nicht um eine Mission. Oder ein romantisches Märchen.
„Warum hat er ihr die Gedichte und Kurzgeschichten eigentlich nie geschickt, oder noch besser gegeben?“, wollte Geraldine plötzlich wissen. „Schreibt er darüber nichts in seinem Tagebuch?“
„Weiß ich nicht und in seinem Tagebuch schreibt er nichts darüber. Der Grund dafür könnten die Gedichte als solche sein. Ich habe nur eine Handvoll davon gelesen. Manche sind wunderschön. Er beschreibt sie in Sätzen, bei denen selbst ich weiche Knie bekomme. Andere wiederum sind traurig und hart. Besonders die aus der Zeit, in der er dachte, sie würde ihn betrügen und jene im Anschluss an die Untersuchungen.“
Geraldine sah mich mit prüfendem Blick an, ohne jedoch auf das, was ich über die Gedichte sagte einzugehen. Es hatte für mich den Anschein, als würde sie darüber nachdenken. Nach einer Weile sagte sie aus heiterem Himmel, als wollte sie unser Gespräch an dieser Stelle beenden:
„Ich hoffe, ich konnte dir etwas weiterhelfen?“
Ich zögerte kurz.
„Ja, konntest du. Auf der einen Seite. Anderseits bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher, ob ich nicht alles zu einseitig betrachtet habe. Oder mir sogar ein völlig falsches Bild gemacht habe. Vielleicht wäre es gut, du würdest sein Tagebuch und ein paar seiner Gedichte lesen und mir sagen, was du für einen Eindruck hast. Wie du diese Geschichte verstehst. Du würdest mir einen großen Gefallen tun.“
„Wie bitte?“, entrüstete sich Geraldine lautstark. „Ich soll mir die privatesten Dinge wildfremder Menschen durchlesen, nur um dir weiterzuhelfen? Das kann nicht dein Ernst sein!“
Ich verstand Geraldines Aufregung nicht. Sie machte doch den ganzen Tag nichts anderes, als ihre Nase in Angelegenheiten wildfremder Leute zu stecken. Das ist ihr Beruf, deshalb arbeitet sie bei der Firma. Das ist der Grund, warum es Firmen wie diese in jedem Staat gibt. Ich kannte Geraldine gut genug, um zu wissen, dass es kontraproduktiv wäre, den Vorwurf zu erheben, sie würde mit zweierlei Maß messen. Stattdessen versuchte ich es über die dein Freund der Autor in Not Schiene.
„Du würdest mir damit aber sehr helfen. Ich komme an bestimmten Punkten einfach nicht weiter, verstehe sie nicht richtig. Kurz, will ich dieses Buch schreiben, bin ich auf deine Hilfe angewiesen.“
Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber ich wusste, wie empfänglich Geraldine für diese Worte war, wie leicht ich sie manipulieren konnte. Geraldine blickte kurz aus dem Fenster. Dann schaute sie mir direkt in die Augen.
„Wenn es dir hilft, mache ich es. Aber ich sage dir, ich mache es höchst ungern. Das sind sehr private Dinge.“
„Vielen Dank. Du bist mir eine große Hilfe“, antwortete ich und setzte mein allerschönstes Dankbar-Lächeln-Gesicht auf.
„Entschuldige mich kurz. Ich kopiere dir sein Tagebuch und ein paar seiner Gedichte auf einen USB-Stick.“
Ich stand auf, verließ das Esszimmer und ging in mein Arbeitszimmer an meinen Computer. Zurück im Esszimmer eröffnete ich Geraldine, die eine Zigarette rauchend auf mich gewartet hatte, dass ich über Ostern ein paar Tage Urlaub machen werde, während ich ihr den USB-Stick übergab.
„Das trifft sich gut. Ich werde dafür ohnehin Zeit brauchen“, sagte sie zu mir, während sie den Stick in ihrer Handtasche verstaute. Dabei fiel ihr Blick auf ihre Uhr.
„Es ist spät geworden und ich denke, wir sollten jetzt ins Bett gehen. Ich bin müde und du?“
Durch das intensive Gespräch war auch ich müde geworden.
„Ja, du hast Recht. Wir sollten ins Bett gehen“, stimmte ich zu und stand auf um Geraldines Jacke zu holen. Ich brachte Geraldine zur Türe, umarmte sie wie immer und wünschte ihr eine gute Nacht, nicht ohne mich noch einmal für ihre Hilfe zu bedanken. Gerade als ich die Türe schließen wollte drehte sich Geraldine nochmal zu mir um und sagte:
„Vielleicht hilft es dir mehr zu verstehen als du glaubst. Ich hoffe sehr. Naja, wir werden sehen. Bis nach Ostern. Schlaf gut, Liebling!“
Ich schloss, dieses Liebling ignorierend, die Haustüre, ging zurück in das Esszimmer und räumte noch die Teller und Gläser in die Spülmaschine, bevor ich zu Bett ging. Als ich im Bett lag, gingen mir Geraldines letzte Worte noch einmal durch den Kopf. Irgendwie passten sie zu der Sache mit dem Tagebuch und irgendwie auch nicht. Was hatte Geraldine genau damit gemeint, als sie sagte, sie hoffe, ich werde mehr verstehen?

   Mein Osterurlaub war vorbei und ich wieder zuhause. Während dieser Urlaubstage hatte ich mir kaum Gedanken über den Mann gemacht und somit, wie ich glaubte, wieder genug Abstand von den Ereignissen gewonnen. Nachdem ich die Post durchgesehen hatte, rief ich nach meinen E-Mails ab. Verwundert nahm ich zur Kenntnis, dass keine von Geraldine unter ihnen war. Sicherlich war sie noch nicht zum Lesen des Tagebuchs und der Gedichte gekommen und hatte mir deshalb nicht geschrieben. Als nächstes loggte ich mich auf dem Computer des Mannes ein. Ich war gespannt, was sich seit den Tagen vor Ostern zugetragen hatte. Hatte er sich doch dafür entschieden seiner Freundin zu sagen, was mit ihm los war? In den Tagen seit diesem Lied bis zu meinem Urlaub, glaubte ich in seinem Tagebuch eine erkennbare die Tendenz in diese Richtung auszumachen. In der Erwartung endlich einmal etwas wirklich Erfreuliches in dieser traurigen Geschichte zu lesen, öffnete ich sein Tagebuch. Aber was ich las entsprach nicht im Geringsten meinen Hoffnungen. Die beiden hatten Ostern, wie alle Feiertage in den vergangen beiden Jahren, getrennt verbracht. Ein Grund dafür war, dass es dem Mann seit Gründonnerstag nicht besonders gut ging. Er schrieb bis einschließlich Ostersonntag in äußerst knappen Einträgen von extremen Kopfschmerzen, Übelkeit und andauernder Müdigkeit. Doch als wäre das alleine nicht schon schlimm genug, berichtete er in seinem Eintrag vom 1. April von einem Ereignis, dass nicht nur meinen Verdacht weiter erhärtete.

„…… Sie rief mich gegen 11 Uhr an und fragte, ob ich mit ihrem Hund spazieren gehen könnte. Sie hätte extreme Rückenschmerzen. Obwohl es mir heute wirklich schlecht ging, sagte ich natürlich zu. Ich wollte nicht, dass sie mit Baghira spazieren gehen muss, wenn es ihr so schlecht geht. Die Ärzte hatten mir zwar verboten mehr als 2 pro Tag von meinen lustigen weißen Pillen zu nehmen, trotzdem nahm ich zur Sicherheit noch eine. Ich wollte unter gar keinen Umständen, dass sie etwas bemerkt. Dementsprechend war dann auch die Fahrt zu ihr. Wie im Nebel. Als ich bei ihr klingelte, fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Name ihres Exfreundes immer noch an der Klingel stand. Mir war das bislang nicht aufgefallen, weil es immer dunkel war, wenn ich zu ihr gekommen bin. Nach 1.5 Jahren sollte der Name doch weg sein. Oder gehört er wieder dahin? Ich lief die Treppe hinunter zu ihrer Wohnung, wo sie bereits vor der Türe, die sie hinter sich fast zugezogen hatte warte. Sie übergab mir schnell Baghira und huschte dann schnell wieder in ihre Wohnung zurück, ohne die Türe dabei weiter als notwendig zu öffnen. Als ich mit Baghira nach knapp einer Stunde wieder zurückkam, erwartete sie mich wieder vor der Wohnungstüre, nahm Baghira, verabschiedete sich kurz und schloss die Türe sofort wieder hinter sich.. Was, wenn sie deshalb an der Türe gewartet hat, weil ich gar nicht erst in die Wohnung sollte? Weil ich dort hätte etwas sehen können, was sie unter allen Umständen verhindern wollte? Wenn sie den Hund nur loswerden wollte, weil sie besseres zu tun hatte und er störte? Sie gar keine Rückenschmerzen hatte? Die Klingel doch wieder, oder immer noch der Wahrheit entsprach? Ich weigere mich das zu glauben, aber im Zusammenhang der letzten Monate ist es schon mehr als merkwürdig.“

Der Zauber, den jenes Lied vor zwei Wochen über die beiden gebracht hatte, war verflogen. Sollte dieses Lied nur ein taktisch geschicktes Manöver von ihr gewesen sein, um den Mann ruhig zu stellen? Hatte ich mit meinem Misstrauen am Ende doch Recht behalten? Trotzdem mir klar war, dass der Eintrag in seinem Tagebuch ausschließlich seine subjektive Wahrnehmung widerspiegelte, war sein Verdacht, nicht nur auf Grund der Ereignisse seit letztem Sommer, sondern vor allem wegen der sehr aufmerksam beobachteten und detaillierten Schilderung des Ablaufs dieses Tages, nicht von der Hand zu weisen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass es ihr an diesem Tag wirklich sehr schlecht ging. Der Mann hatte dies in den Wochen zuvor oft genug in seinem Tagebuch erwähnt. Hatte sie den Mann deshalb nicht hereingebeten, weil sie sich sofort wieder hinlegen wollte? Unter Umständen wollte sie sogar damit vermeiden, dass er sich Sorgen um sie macht. Aber Rückenschmerzen am Morgen und das ausgerechnet zufällig an einem Feiertag? Nein, das war nicht schlüssig. Die entscheidende Frage musste laute: Warum fertigte sie ihn zweimal an der Wohnungstüre wie einen Pizzaboten ab? In all diesem Pro und Contra tendierte ich eher dazu, trotz aller Einwände Geraldines, den Verdacht des Mannes als Wahrheit zu betrachten. Und dieser Abend in Mailand? Möglicherweise war ich einfach nicht ihr Typ und die E-Mail oder SMS auf die sie gewartet hatte war nicht von dem Mann, sondern von einem anderen. Auch das ergab einen Sinn. Ein wichtiges Detail in seinem Eintrag wäre mir durch meine Fokussierung auf das ungewöhnliche Verhalten seiner Freundin beinahe entgangen. Zum ersten Mal seit seinem Eintrag im Anschluss an seine Untersuchung im Februar schrieb der Mann über die Menge seiner Medikamente und deren Nebenwirkungen.

   In den darauffolgenden Tagen wurden seine Aufzeichnungen sehr eindeutig. Der Kompass seiner Entscheidung zeigte jetzt stets, wie vor seinem Schwanken, wieder in die gleiche Richtung. Er wollte, dass sie ihn verlässt. Wider Erwarten stand aber nicht im Vordergrund sie würde ihn betrügen, wie es sein Eintrag vom Ostermontag hätte vermuten lassen, sondern erneut ihre angegriffene Gesundheit. Er schrieb davon, dass er ihr in diesem Zustand die Wahrheit nicht zumuten konnte, da sie, wie er glaubte, sonst alles für ihn tun und noch weiter über ihre Grenzen gehen würde, als sie in letzter Zeit auf Grund ihres Jobs ohnehin gegangen war. Ich war über diese Zeilen sehr erstaunt. Jeder normale Mann hätte den mehr als eindeutigen Verdacht des Betrugs, der spätestens seit ihrem Verhalten am 1. April nicht mehr von der Hand zu weisen war, als Hauptgrund herangezogen eine solche Person in seinem Zustand nicht mehr um sich haben zu wollen. Nicht aber der Mann. Dafür konnte es nach meiner Auffassung nur zwei Gründe geben. Entweder er liebte sie wirklich und hatte, nach dem seine erste Wut verflogen war, nochmals über diesen 1. April nachgedacht, oder er gehörte zu den Männern, die sich von einer Frau sehr leicht an der Nase herumführen ließen und dabei nicht bemerkten, was wirklich vor sich ging. Noch verwirrender wurde das Ganze mit seinem Eintrag vom 7. April. Er schrieb, dass ihre E-Mails in den letzten Tagen wieder zärtlicher geworden waren und sie ihm heute zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder geschrieben hatte, dass sie ihn heute Nacht vermisst. Ich konnte das kaum glauben und überprüfte zur Sicherheit seine E-Mails. Sie hatte tatsächlich geschrieben, dass sie ihn vermisste. Aber auch das konnte natürlich wiederum nur Tarnung sein, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Nur was hätte sie davon? Sie könnte sich ganz leicht mit der Begründung von ihm trennen, dass sie wieder eine Beziehung mit ihrem Exfreund hat. Oder sich einfach nicht mehr melden und die Beziehung so in aller Ruhe auslaufen lassen können. Ghosting betreiben, wie man ein solches Verhalten neuerdings nannte. Dagegen sprach, dass sie das in jener Pause zwischen November 2011 und Juli 2012 ebenso nicht getan hatte, obwohl ich mittlerweile absolut davon überzeugt war, dass sie in dieser Zeit ebenfalls eine Beziehung mit einem anderen Mann unterhalten hatte. Wie ich es auch drehte und wendete, es ergab alles keinen Sinn. Alles drehte sich schon wieder im Kreis. Lag der Mann mit seiner Einschätzung, und damit auch ich, der Situation am 1. April doch falsch? Immerhin waren es wieder nur Indizien und keine Beweise. Ich musste unbedingt Geraldine von dieser Entwicklung berichten. Da es schon deutlich nach Mitternacht war, wollte ich sie nicht anrufen. Stattdessen schrieb ihr eine E-Mail, dass wir uns unbedingt nochmals über mein Buch unterhalten sollten. Ich hielt den Wortlaut der E-Mail bewusst allgemein und ging nicht auf die jüngsten Entwicklungen ein. Gespannt wartete ich am nächsten Tag auf eine Antwort, die aber, wie auch die folgenden Tage, ausblieb. Nach drei Tagen ohne Antwort, beschloss ich Geraldine auf ihrem Handy anzurufen. Doch satt des von mir erwartenden Klingelns wurde ich sofort zu ihrer Mailbox weitergeleitet. Offenbar hatte sie ihr Handy ausgeschaltet.

   Mittlerweile war fast eine Woche vergangen und ich hatte noch immer nichts von Geraldine gehört. Auch an ihrem Anschluss zuhause konnte ich mich nur mit dem Anrufbeantworter unterhalten. Früher war es nichts Ungewöhnliches, dass Geraldine tagelang nicht erreichbar war. Aber seitdem sie fast ausschließlich mit Aufgaben im Innendienst betraut war, ist das kaum noch vorgekommen. Außerdem gab sie mir üblicherweise immer Bescheid, wenn sie für ein paar Tage nicht erreichbar war. Ich beschloss, es weiter zu versuchen, schließlich wollte ich wissen, wie sie die jüngsten Ereignisse beurteilte und welche Erkenntnisse Geraldine aus dem Tagebuch und den Gedichten des Mannes gezogen hatte. Falls sie überhaupt schon dazu gekommen war, denn zurzeit beschäftigen sich die Nachrichten sehr lebhaft mit den Tätigkeiten eines Schwesterdienstes und ich konnte mir gut vorstellen, was in der Zentrale los sein musste.

  Am Freitagmorgen hatte ich immer noch nichts von Geraldine gehört und ich wurde unruhig. Ich beschloss in der Firma anzurufen. Obwohl ich genau wusste, dass Geraldine Anrufe tagsüber in ihrem Büro überhaupt nicht ausstehen konnte, war das der einzige verbleibende Weg. Ich rief in der Zentrale an und lies mich zu ihrem Anschluss verbinden. Nach dem 10. oder 11. Klingeln wurde der Hörer endlich abgenommen. Es meldete sich ein Mann. Erstaunt über die nicht erwartete Stimme, stockte ich kurz, bis ich den Mann fragte, ob Geraldine zu sprechen sei.
„Nein“, antwortete der Mitarbeiter kurz. „Sie ist seit über einer Woche krankgeschrieben und kommt voraussichtlich erst Anfang übernächster Woche wieder. Kann ich ihnen weiterhelfen?“
Ich verneinte, bedanke mich höflich und legte auf. Ein wenig perplex überlegte ich mir, was mit Geraldine sein könnte. Sie wirkte bei unserem letzten Treffen zwar sehr abgespannt, machte aber nicht den Eindruck, dass sie krank sei. Nervös ging ich zwischen Wohnzimmer, Küche und Esszimmer im Kreis, bis ich beschloss zu Geraldines Wohnung zu fahren, um nachzusehen, ob sie zuhause war. Ich war mir bewusst, dass diese Idee, die sonst nur verliebte Teenager hatten, auch als Kontrolle missverstanden werden konnte, aber ich machte mir große Sorgen um Geraldine. Ich musste etwas unternehmen, egal was und wie ergebnislos es am Ende sein würde.
An Geraldines Wohnung angekommen bemerkte ich als erstes, dass ihr Dienstwagen auf ihrem Parkplatz stand. Auf den ersten Blick schien es, als ob sie zuhause sei. Ich stellte mein Auto ab und lief zu dem Haus. Sofort fiel mir auf, dass ihr Briefkasten überquellte. Etwas sehr Ungewöhnliches für einen Ordnungsfanatiker wie Geraldine. Ich richtete meinen Blick nach oben in den ersten Stock in dem ihre Wohnung liegt. Die Rollläden waren alle oben, die Fenster geschlossen. Ich klingelte mehrfach, ohne eine Reaktion. Sollte Geraldine etwas zugestoßen sein? War sie mit beim Motorradfahren verunglückt und lag irgendwo in einem Krankenhaus? Nein, davon hätte ich mit Sicherheit erfahren. In diesem Augenblick kamen mir alle schrecklichen Dinge, die Geraldine widerfahren sein konnten in den Sinn. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen, indem ich nach einer logischeren Erklärung für ihr Verschwinden suchte. Vielleicht war sie im Auftrag der Firma im Ausland und die Geschichte mit der Krankheit diente nur der Tarnung? Dass sie niemand über eine solche Reise unterrichteten durfte entspräche dem generellen Standard, der bei solchen Reisen üblich ist. Gerade als ich gehen wollte, kam mir eine Nachbarin von Geraldine entgegen. Wir hatten uns schon hab und zu hier gesehen. Sie begrüßte mich freundlich und sagte ungefragt,
„Falls Sie zu ihrer Bekannten wollten, die habe ich schon seit über einer Woche nicht mehr gesehen. Ich glaube, die ist im Urlaub.“
Geraldine im Urlaub. Das hatte es in den letzten 5 Jahren nur zweimal gegeben und dann jeweils auch nur für eine Woche. Zudem war ich mir sicher, sie hätte mir davon erzählt. Spätestens, als ich ihr sagte, dass ich über Ostern in Urlaub fahre. Im Urlaub war Geraldine sicher nicht. Davon war ich überzeugt. Unverrichteter Dinge fuhr ich wieder nach Hause. Wo war Geraldine? Meine Sorgen, die sich jeder um einen guten Freund, der plötzlich verschwindet, machen würde, wuchsen weiter. Zu meinem Leidwesen blieb mir jedoch nicht viel anderes übrig, als weiterhin zu versuchen Geraldine zu erreichen und zu hoffen, dass es ihr gut ging.

   Die Frage, wo Geraldine war beschäftigte mich mehr, als mir lieb war. Ich hatte das Gefühl ununterbrochen an sie denken zu müssen. Um mich davon abzulenken unternahm ich am Samstag eine lange Spazierfahrt. Es war einer der ersten warmen, trockenen Tage in diesem Frühling und der Mustang, der seit Oktober gestanden hatte verlangte förmlich nach einer Ausfahrt. Spät in der Nacht kehrte ich von meinem Ausflug zurück und fiel müde in mein Bett. Als ich am Sonntagmorgen aufwachte, erinnerte ich mich daran, dass ich mich fast die ganze letzte Woche aus Sorge um Geraldine nicht mehr mit dem Tagebuch des Mannes beschäftigt hatte. Nachdem ich gefrühstückt hatte, setzte ich mich an meinen Computer, um die Einträge der letzten Tage zu lesen. Sie unterschieden sich nicht grundlegend von denen der Vorwoche. Seine Entscheidung hatte sich gefestigt. Für ihn stand unumstößlich fest, dass er einen finalen Anlass schaffen musste, der sie dazu zwang die Beziehung zu beenden. Bis einschließlich Freitag ging er allerdings nicht näher auf seine Überlegungen ein. Er schrieb lediglich, dass er weder die Kraft noch den Mut hatte, die Beziehung selbst zu beenden. Außerdem erfuhr ich, dass seine Freundin an diesem Wochenende wieder einmal geschäftlich unterwegs war. Gemeinsam mit ihrem Team war sie zu einer Veranstaltung gefahren, in deren Rahmen Motivation, Vertrauen und besonders Zusammenhalt der Mitglieder verstärkt werden sollte. Sie sollten dort unter anderem lernen miteinander zu arbeiten und dem anderen zu vertrauen. Im Gegensatz zu den eindeutigen Einträgen der vorangegangenen Tage, war seine Aufzeichnung vom Samstag, den 13.04.2012, wieder von dieser inneren Zerrissenheit gekennzeichnet, die vor knapp einem Monat schon einmal deutlich geworden war. Auf der einen Seite war sein Entschluss, ihr einen Anlass zu liefern, die Beziehung zu beenden und den Kontakt zu ihm vollkommen einzustellen, auf der anderen Seite seine Liebe, sein Verlangen nach ihr und ihrer Nähe. Er schrieb über ihren Jahrestag, der sich heute zum zweiten Mal jährte. Ganz kurz fasste er die Höhepunkte der vergangen zwei Jahre mit ihr zusammen, fast so, als hätte er sie im Augenblick des Schreibens noch einmal durchlebt. Er schrieb darüber, wie sehr ihm Zärtlichkeit und Intimität mit ihr fehlten, wie sehr er die gemeinsamen Nächte vermisste. Bis an diesen Punkt war alles schön und leicht zu lesen. Mit der nächsten Zeile änderte sich das. Der Mann schrieb, wie Recht es ihm war, dass auch sie, aufgrund ihrer körperlichen Verfassung, ebenfalls kein Verlangen nach Intimität verspürte und er sie wenigstens bei diesem Thema nicht belügen musste. Zog man den Tenor seiner Aufzeichnungen der letzten vier Wochen, jene vom Ostermontag einmal außer Acht lassend, in Betracht und wollte dieser Sichtweise Glauben schenken, bestand die Möglichkeit, dass dies durchaus der Wahrheit entsprechen konnte. Genauso gut konnte es sich aber um eine Ausrede handeln, die nichts weiter, als ein Beleg für den Verdacht wäre, dass sie sich bereits umorientiert hatte. Diese Überlegung führte der Mann jedoch nicht als Begründung an. Er erwähnte sie nicht einmal mehr. Stattdessen schrieb er:

„…ich vermisse sie, ihren Geruch, ihre Wärme so sehr, dass es mich innerlich fast zerreißt. Trotzdem bin ich froh, dass sie zurzeit kein Verlangen nach Sex hat. Sonst müsste ich sie nur noch einmal belügen, um das zu verhindern. Sie darf die Einstichpunkte unter keinen Umständen zu Gesicht bekommen…“

Über welche Einstichpunkten schrieb der Mann? Meinte er damit jene, die von seinen regelmäßigen Untersuchungen stammen mussten? Je nach Häufigkeit hinterlassen Spritzen Spuren, die zwangsläufig in bestimmten Situationen zu unangenehmen Fragen führen, wenn der Partner nichts von ihnen weiß und diese bemerkt. Allerdings lagen zwischen seinen Untersuchungen regelmäßig vier Wochen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese kleinen Wunden zwischenzeitlich nicht verheilt waren. Genauso wenig konnte ich mir erklären, wie der Mann überhaupt noch Gedanken an das Thema Sex verschwenden konnte. Nach seinen eigenen Angaben machten ihm bestimmte seiner Medikamente Sex seit längerem ohnehin unmöglich. Zudem lag die letzte gemeinsame Nacht der beiden, soweit das aus dem Tagebuch des Mannes hervorging, bereits deutlich über 7 Monate zurück. Weiter schrieb der Mann, dass sie ihm, obwohl sie den ganzen Samstag mit ihrem Team gearbeitet hatte, einige E-Mails geschrieben hatte und dass sie heute im Laufe des Nachmittags noch bei ihm vorbeikommen wollte. Über die vielen E-Mails hatte sich der Mann sichtlich gefreut, über den angekündigten Besuch war er jedoch im Zwiespalt. Hauptsächlich deshalb, weil er sich bereits seit Tagen miserabel fühlte und er unbedingt vermeiden wollte, dass sie ihn so zu Gesicht bekommt.

   Die letzten Aufzeichnungen des Mannes boten genug Stoff, über den ich nachdenken musste und der mich von weiteren Gedanken an Geraldine abhielt. Ich verließ mein Arbeitszimmer in Richtung Garten und widmete mich, in Erwartung, was der Mann heute Abend über den Verlauf des angekündigten Besuchs schreiben würde, meinen Pflanzen. Nach dem ich die Spuren des Winters halbwegs beseitigt und mir aus Bequemlichkeit das Abendessen von meinem bevorzugten chinesischen Lieferservice bringen lassen hatte, verbrachte ich noch zwei Stunden vor dem Fernseher, bevor ich an meinen Computer ging. Ich war gespannt, was sich heute ereignet hatte. Die ersten Zeilen galten, wie an jedem 14. des Monats dem Besuch bei seinem verstorbenen Hund. Auch heute, obwohl es ihm, wie er schrieb, sehr schlecht ging war er bei seinem Hund gewesen. Ich hatte diesen Termin, den er jeden Monat wahrnahm, völlig vergessen. Anschließend schrieb er über den Besuch seiner Freundin. Er war sich sicher, dass sie nach ihrem anstrengenden Wochenende nur deshalb vorbeikommen wollte, weil heute ihr Jahrestag war. Auch diesen Termin hatte ich übersehen. Obwohl sie im letzten Jahr keinen Wert auf diesen Tag gelegt zu haben schien, war ihr nach seiner Einschätzung dieser Tag in diesem Jahr wichtig.

„… zwei Stunden bevor sie kommen wollte nahm ich meine 2. Tablette. Leider verspätete sie sich über eine Stunde und ich spürte, dass die Wirkung heute schneller nachließ, als sonst. Um zu vermeiden, dass sie hochkam und der Nachmittag dann irgendwo hinführte, wo er nicht mehr hinführen durfte, passte ich sie zusammen mit meiner kleinen auf der Straße ab. Als sie in ihrem Auto um die Ecke bog und uns sah freute sie sich riesig. Sie hielt neben uns an, ging zum Kofferraum und holte eine Plastiktüte randvoll mit Süßigkeiten raus. Ich bemühte mich dem Inhalt keine Bedeutung zu schenken, kühl und distanziert zu wirken und stellte sie im Hausflur ab. Dann sagte ich ihr, dass die Kleine jetzt dringend Gassi muss. Den Jahrestag erwähnte ich mit keinem Wort, obwohl ich sicher war, dass sie sehr darauf gewartet hat. Ich hatte das Gefühl ihre Enttäuschung regelrecht spüren und ich kam mir dabei richtig mies vor. Sie fuhr weg und ich ging in die andere Richtung mit der kleinen einmal um den Block. So vieles hätte ich ihr an diesem Tag sagen sollen, ja müssen…“

Der Mann hatte seinen Plan, ihr einen Anlass zum Beendigen der Beziehung zu liefern, zu einem Zeitpunkt der nicht besser hätte gewählt sein können, in die Tat umgesetzt. Ich verstand zwar nicht allzu viel von diesen Beziehungsdingen, aber selbst mir war klar, dass sein Übergehen des Jahrestages und die Missachtung ihres Geschenkes, für diese seit Monaten ohnehin schwierige Beziehung, das Ende bedeuten musste. Lediglich sein Motiv blieb für mich nach wie vor nur bedingt nachvollziehbar. Seine großen Zweifel an ihrer Treue, die er seit Herbst immer wieder hatte, spielten am Ende bei seiner Entscheidung keine Rolle. Letztlich ging es ihm nur um die Frage, was für sie und ihr Leben das Beste ist. Ich an seiner Stelle hätte keinesfalls so entschieden. Nicht aus Liebe, sondern aus Egoismus. Es ist jemand da, der sich kümmert. An den man sich anlehnen kann und der einem Mut macht. Jemand der hilft den Alltag zu bewältigen. Sei es nur um einkaufen zu gehen oder sich um seinen Hund und seine Katze zu kümmern. Ich beendete die Remotesitzung und fuhr meinen Computer herunter. 5 Monate und 21 Tage nach dem der Mann diesen Satz gesagt hatte, schien er Realität geworden. Doch wie konnte sich der Mann damals schon so sicher sein? War es nur eine Vorahnung, oder kannte er seine Freundin so gut kannte, dass er von Anfang tief in seinem Innersten gar keine andere Möglichkeit sah? Weder sein Tagebuch, mit all seinem Hin und Her, noch irgendwelche Überlegungen meinerseits, lieferten eine eindeutige abschließende Erklärung dafür.

   Der Montagmorgen begann, wie ein Montag nicht beginnen sollte. Mir war der Kaffee ausgegangen. Ich zog mich an und machte mich auf zum Supermarkt. Wie immer, wenn ich zu Fuß einkaufen ging, nahm ich diesen Weg, der am Park vorbeiführte, als mir plötzlich der Hund des Mannes entgegenkam. Mit etlichen Metern Abstand folgte ihm ein Mann, um die fünfzig, mit weißen, leicht strubbeligen Haaren und einer Leine in der Hand. Ich hatte diesen Mann noch nie seinem Hund spaziergehen sehen. Wer war dieser Mann und warum ging dieser Fremde heute mit seinem Hund spazieren? Hatte sich der Zustand des Mannes in der Nacht so verschlechtert, dass er heute Morgen nicht mit seinem Hund spazieren gehen konnte? Immerhin hatte er geschrieben, dass es ihm ausgesprochen schlecht ging und seine Medikamente nicht besonders gut anschlugen. Vielleicht hatte er aber auch nur einen Termin, bei dem er seinen Hund nicht mitnehmen konnte und bevor er ihn alleine zu Hause ließ, hatte er ihn für diese Zeit bei diesem Bekannten untergebracht? Um mich zu vergewissern, ob der Mann tatsächlich fort war, nahm ich den kleinen Umweg durch die Straße in der er wohnte. Beide Autos parkten auf ihren gewohnten Plätzen und einige der Fenster seiner Wohnung waren gekippt. Nichts deutete somit darauf hin, dass der Mann fort war und alles sprach dafür, dass es ihm heute immer noch schlecht gehen musste und sein Hund deshalb den Morgenspaziergang mit diesem Mann unternahm.

   Eine halbe Stunde später, nach dem ich endlich meinen Kaffee getrunken und die Zeitung überflogen hatte, rief ich, in der Hoffnung endlich von Geraldine zu hören, meine E-Mails ab. Erneut war keine von Geraldine dabei. Ich hatte die Hoffnung gehabt, dass sie zu Beginn der neuen Woche wieder da sein würde, aber meine Hoffnung war der wiederkehrenden Sorge gewichen, wo Geraldine war und wie es ihr ging. Dieser Tag war bislang überhaupt nicht nach meinem Geschmack gewesen. Zuerst hatte ich keinen Kaffee, dann sah ich den Hund des Mannes mit einem Fremden und schließlich hatte ich immer noch keine Nachricht von Geraldine. Um mich von diesen Gedanken abzulenken ging ich in meine Garage, die nach dem Winter ohnehin dringend aufgeräumt werden sollte, um Platz für den Challenger zu schaffen, den ich in den nächsten Tagen vom Sattler zurückerwartete. Gegen 23 Uhr, nachdem ich unruhig zwischen allen möglichen Sendern hin und her gezappt hatte, setzte ich mich, wie es zu meiner fast allabendlichen Routine geworden war, an meinen Computer. Ich wollte wissen, ob der Mann heute in seinem Tagebuch geschrieben hatte. In der Vergangenheit hatte er häufig, an Tagen, an denen es ihm nicht gut ging nichts geschrieben. Insofern war das nicht vorhanden sein eines Eintrags in seinem Tagebuch auch immer ein nützlicher Hinweis auf seinen Gesundheitszustand. Überraschenderweise hatte er heute doch einen Eintrag hinzugefügt, den entgegen seiner sonstigen Gewohnheit der letzten Wochen meist vor 21 Uhr zu schreiben, heute erst gegen 22:45 geschrieben hatte. Er vermerkte, dass er heute mit dem Zug zu seiner monatlichen Untersuchung gefahren war und ein weiterer Aufenthalt im Krankenhaus für Ende April geplant sei. Näheres zu diesem Thema, dass mich brennend interessierte, führte er zu meinem Bedauern nicht aus. Auch die Ereignisse des gestrigen Tages erwähnte er nur insofern, dass er kurz feststellte, dass seine Freundin ihm heute, scheinbar unbeeindruckt von dem, was gestern geschehen war, die übliche Guten Morgen E-Mail geschrieben hatte. War sein Plan doch nicht aufgegangen? Ahnte oder noch schlimmer, hatte seine Freundin gestern etwas bemerkt? Am Ende seines Eintrages schrieb er, dass er die Hoffnung hatte, dass seine Freundin seinen Krankenhausaufenthalt, während dem er sich nicht bei ihr melden konnte, wieder als Abtauchen werten würde und diesmal die Beziehung beenden würde. Er schloss mit den Worten:

„…Ihr Leben, ihre Gesundheit, ihr Glück, all das ist mir wichtiger, als alles andere auf der Welt. Frag nicht, was deine Beziehung für Dich tun kann, frag was Du für deine Beziehung tun kannst…“

Den originalen Wortlaut seines letzten Satzes, den er sehr treffend abgewandelt hatte, kannte ich sehr gut. Er stammte aus der Antrittsrede John F. Kennedys im Jahr 1961. Kennedy sagte damals: “Ask not, what your country can do for you, ask what you can do for your country.”

Wieder hatte sich der Mann der Geschichte des 20. Jahrhunderts bedient und einmal mehr hatte er, wie schon in seinem ersten Brief, den er ihr vor knapp einem Jahr geschrieben, Recht. Was im Großen gilt, scheint auch im Kleinen zwischen zwei Menschen zu gelten. Beeindruckt davon, welchen neuen Sinn er diesem Zitat Kennedys gegeben hatte, trennte ich die Verbindung. Wie viele Menschen mag es wohl geben, fragte ich mich, die sich so viele Gedanken machten, die ihr Wissen derart zielgerichtet und treffend einsetzen konnten. Daran, dass seine Freundin ihm das wichtigste in seinem Leben war, konnte seit heute, trotz allem, was in den letzten Monaten geschehen war, kein Zweifel mehr bestehen.

   In dieser Nacht schlief ich schlecht und unruhig. Immer wieder gingen mir die letzten Sätze des Mannes durch den Kopf und ließen mich nicht mehr los. Welcher Mensch, der in einer Beziehung, egal ob verheiratet oder nicht lebte, hatte sich jemals bewusst diese Frage gestellt und dann danach gehandelt. Waren nicht die meisten von uns mehr oder weniger nur Egoisten und eine Partnerschaft nicht oft genug nur der Weg des geringsten Widerstandes, um gewisse Dinge zu bekommen, um sich das Leben so einfach und angenehm wie möglich zu machen? Am folgenden Morgen benötigte ich 3 Tassen Kaffee um einigermaßen wach zu werden. Mit der vierten Tasse ging ich in mein Arbeitszimmer zu meinem Computer. Endlich traf die ersehnte Antwort Geraldines auf meine E-Mail ein. Sie schrieb, dass alles in Ordnung sei. Sie sei ungeplant fort gewesen und mehr brauchte ich nicht zu wissen. Zu dem Tagebuch und den Gedichten des Mannes sei sie noch nicht gekommen, versprach mir aber, dieses sobald wie möglich nachzuholen. Ich war erleichtert endlich von Geraldine gehört zu haben. Aus dem Wortlaut ihrer E-Mail schloss ich, dass sie im Auftrag der Firma unterwegs gewesen war, sie mir nichts darüber sagen durfte und es sich bei der Aussage ihres Mitarbeiters, sie sei krank, tatsächlich nur um die übliche Standardantwort gehandelt hatte.